Der Tross

10. – 14. Juni 2004

Anfang des Jahres 2004 war es so weit: Der harte Kern der Brettener Mittelalterszene hatte Freunde aus ganz Europa eingeladen, um gemeinsam endgültig den Verstand zu verlieren. Dank der ebenso eifrigen wie jahrelangen Vorarbeit einer zwanzigköpfigen Organisationsgruppe standen allen Beteiligten vier aufregende Tage im Feld bevor. Der TROSS – ein mehr als gewagtes Experiment – nahm seinen Lauf. 400 Personen im Gewand zogen auf den 1504 gelegten Spuren des württembergischen Heeres von Illingen nach Bretten. Mit dabei alles, was für einen Krieg benötigt wird: Waffen, Rüstungen, Kanonen, Wagen voller Zelte, Kochstellen und Werkzeug. Verpflegung, Brennholz und Wasser wurde auf dem Weg aus den von Helfern bereitgestellten Versorgungsstationen “requiriert”. Dies und ein paar Chemietoiletten waren denn aber auch die einzigen Zugeständnisse, die an die Moderne gemacht wurden. Selbst Rauchwerk war – tagsüber – verpönt, zum Frühstück gab es kalten Kräutertee statt Kaffee.

Erster Tag. Musterung und Aufbruch

Der Tross begann an einem Mittwochmorgen. Schon am Dienstagabend waren die letzten Gäste aus Belgien, England, Frankreich, der Schweiz und allen Winkeln Deutschlands in Bretten eingetroffen, aus dem Willkommensschluck auf dem Marktplatz war wieder einmal ein ausgewachsenes Gelage geworden. Trotzdem waren fast alle der 400 Teilnehmer pünktlich am Brettener Bahnhof, wo der Sonderzug in den Krieg auf uns wartete. Einigen war die Nacht noch deutlich ins Gesicht geschrieben und bei der Vorstellung, dass die aktuelle Verfassung die psychische und physische Grundlage für vier Tage ohne Zigaretten und Kaffe, dafür viel frische Luft und Bewegung sein sollte, brachen bereits die ersten in Panik aus – zumal es den Anschein hatte, als wolle es ein verflucht heißer Tag werden (der heißeste des Jahres bis dahin). Ein letzter Kaffee im Bahnhof war da für manchen der sprichwörtliche Strohhalm vor der Abfahrt des Sonderzuges.

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Der brachte uns zum Illinger Bahnhof, von dort ging es zu Fuß – das Marschgepäck geschultert – weiter zu einer Wiese, wo bereits alles zur Anwerbung der Truppen zum Sturm auf die Kurpfalz bereit stand. Für jeden Teilnehmer lagen eine Erkennungsplakette, ein Soldbeutel und ein Marschbefehl mit der Rotteinteilung bereit, die es an den Mann zu bringen galt. Wir stellten uns in langen Schlangen vor einer Reihe von Zelten an, bekamen, was uns zustand und begaben uns auf die Suche nach unserer Rottfahne.

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Die Rotten waren schon vor fünfhundert Jahren die kleinste Organisationseinheit eines Heereszuges. Sie bestanden aus 10-20 Personen, die gemeinsam kochten und aßen und sich Zelte sowie Wagen samt Kutscher und Zugtier teilten. Die Männer einer Rotte gehörten stets zu einer Waffengattung, oder waren als Handwerker bzw. Kutscher Teil des nichtmilitärischen Aufgebots – das beinahe ebenso groß war wie der Waffentragende Teil. In jeder Rotte waren auch Marketenderinnen vertreten, die für das leibliche Wohl zu sorgen hatten – und diesbezüglich kam mir wirklich nur Lob zu Ohren!

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Das Zeremoniell der Einschreibung zog sich hin, während die Sonne ordentlich einheizte. Rasch war klar, dass der Mann ihm Krieg zwei Zustände kennt: Entweder er wartet auf irgend etwas, oder er hat Hunger und Durst und wartet auf irgend etwas. Wir suchten uns mit ein paar Flaschen Wasser ein schattiges Fleckchen und versuchten, uns bis zum Erhalt eines anderslautenden direkten Befehles so wenig wie möglich zu bewegen.

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Schließlich kam dann aber doch Bewegung in den Haufen. Die Rotten waren eingeteilt, es wurde zur Musterung gerufen. Die Waffenträger mussten noch einmal einzeln vortreten, um Leutnant und Zahlmeister von ihrer Kampfkraft zu überzeugen, bevor sie einem der fünf Truppenteile zugewiesen wurden. Reiterei sowie Artillerie waren bereits eingeteilt und bei ihren Einheiten, so dass es nur noch das Fußvolk in Spießträger, Schützen und Hellebardiere & Doppelsöldner zu ordnen galt.

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Wer gleichwohl meint, damit wäre man schon bereit zum Aufbruch gewesen, hat vergessen, dass im Krieg immer schön eines nach dem anderen geschieht: Zunächst einmal mussten die frisch eingeteilten Abteilungen auf einander eingestellt werden. Und was gibt es da Besseres als ausgedehntes Exerzieren bei Sonnenschein? Runde um Runde wurden folglich die Männer um den Platz gescheucht, es wurden Befehle vereinbart und Manöver eingeübt – unter den kritischen Blicken des Stabes sowie der Marketenderinnen, Handwerkern und Fuhrleuten, die wohl sehen wollten, ob sie in den kommenden Tagen gut bewacht wären….

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Schließlich war es dem Leutnant genug und er ließ erneut den gesamten Tross antreten. Nun, da Kampfkraft und Gehorsam der Truppe sichergestellt war, sollte ihnen vor Herzog Ulrich und seinen Hauptleuten der Artikelbrief verlesen werden, auf den anschließend geschworen wurde. Um die Truppenteile unter ein Zeichen zu stellen, wurden die Fähnriche gesondert vereidigt und bekamen ihre Fahnen ausgehändigt, die sie in den kommenden Tagen höher als ihr Leben zu achten hatten. Die Gelegenheit nutzte der militärische und zivile Stab denn auch gleich zu einer kleinen Begrüßungsrede.

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Als alle wussten, wer wem was zu sagen hatte, wo er was zu essen und am Abend sein Bier herbekommen würde, wurde der Abmarsch vorbereitet. Die Wagen und Zugtiere waren inzwischen eingetroffen, so dass die Rotten sich auf die Suche nach ihrem Transporteur machen konnten. Während die Wagen mit Zelt, Tisch und Sack beladen wurden, verteilten die Proviantmeister eine erste Marschverpflegung an die Rotten.

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Endlich stand alles, alle hatten was zu Essen und die Hauptleute sich auf eine Richtung geeinigt. Koordiniert von der eifrig durch die Gegend galoppierenden Reiterei wurde zunächst rottweise, dann truppenteilweise aufgestellt, bevor sich der beeindruckende Lindwurm in Bewegung setzte. Der Zug hatte begonnen – etliche hundert Meter lebendes Mittelalter setzten sich in Marsch.

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Dieser verlief, von Wasserknappheit abgesehen, ereignislos. Wieder einmal stellte man fest, dass Krieg in aller erster Linie etwas mit Geduld zu tun hat. Geduldig marschiert man bis zu nächsten Pause durch, geduldig wartet man dort auf den Abmarsch und die ganze Zeit über übt man sich in geradezu phlegmatischer Gelassenheit in der Erwartung des nächsten Schluckes Wasser, während vor dem geistigen Auge eiskalte Weizenbiere wahre Freudentänze aufführen.

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Regelrecht ausgelassen ob der Bewältigung des ersten und längsten Teils des Weges trafen wir am späten Nachmittag am Quartier ein. Eine Wiese kurz hinter Lienzingen bot genügend Platz und Schutz, so dass nun die Stunde des Quartiermeisters geschlagen hatte. Verständlicherweise wollte jeder zunächst sein eigenes Lager aufschlagen – zumal dunkle Wolken heranzogen. Keine leichte Aufgabe, hier für Ordnung zu sorgen. Doch stand am Ende ein halbwegs systematisches Lager als Wagenburg um das Versorgungszelt herum. Das Abendessen wurde herangeschafft und ausgegeben, der Hauptmann erklärte mit dem “Bierbefehl” den Dienst für alle – außer den Wachhabenden – für beendet, so dass man sich in den Lagern zu Tratsch, Trunk und Geselligkeit einfinden konnte.

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Zumindest vorerst. Denn kaum war die von heftigen Wolkenbrüchen allenfalls leicht geschmälerte Gemütlichkeit im vollen Gange, als auf dem Hügelkamm eine Abordnung aus Maulbronn, unserem nächsten Ziel auf der Liste der angestrebten Eroberungen, gesichtet wurde. Nachdem die erforderlichen Maßnahmen zunächst etwas kopflos anliefen, wurden die Besucher schließlich unter Bewachung an den Tisch des Herzogs und der Hauptleute geführt, dort wollten sie wohl eine Verschonung ihres Klosters heraushandeln oder auch einfach nur einen Schluck Wein schnorren. Von letzterem abgesehen zogen sie bald unverrichteter Dinge von dannen in Richtung Maulbronn – auf unserem Weg für den folgenden Tag.

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Weiter geht’s mit dem zweiten Tag und dem Sturm auf Maulbronn.

Text: Michael Gessat, Heiko P. Wacker
Bilder: Berger, Rebel, Markowetz, Vollmar