Landsknechts-Manual

Wie man einen Landsknechtshaufen herumkommandiert

Der deutsche Landsknecht ist ein Qualitätsprodukt, abgerichtet auf eine ganze Reihe von vorprogrammierten Handlungen und Verhaltensweisen. Erfolg und Mißerfolg des angehenden Befehlshabers hängen davon ab, diese Kommandos zu kennen und sie möglichst laut in die Umgebung zu brüllen. Bei letzterem können wir nicht helfen, dazu kommen wir später, zum Erwerb der erstgenannten Fähigkeit soll dieses Manual dienen. Es wurde hauptanlässlich geschrieben, damit jene, denen das zweifelhafte Privileg zu Teil wird, diesen Sommer 300 Mann aus aller Herren Länder gen Bretten zu kommandieren, so wie jenen 300, denen die noch viel zweifelhaftere Ehre zu Teil wird, sich von besagten herumkommandieren zu lassen, eine gemeinsame Grundlage zur Verständigung und Befehligung gegeben sei.

Zur Entlastung der Stimmbänder dient dem Befehlshabenden im Gewalthaufen das Spiel. Die Hauptaufgabe der Musiker beim Landsknechtsheer war nämlich nicht die Beschallung der Knechte in ihrer Freizeit, sondern sie, die Pfeiffer und Trommler (meist ein Pfeiffer und ein Trommler je Fähnlein) übermittelten die Befehle der Vorgesetzten an die Fußknechte.
Bei der Reiterei waren eher Blechinstrumente angesagt, wie z.B. Fanfaren (Trompeten ohne Ventile). (Hausbuch Waldenburg Wollffegg; Max Jähns)
Durch einschlägige Literatur ist bekannt, daß das Spiel und die Fahnen schon zum Aufstellen, Sammeln gerufen haben.
Wenn man sich so einen Heerhaufen mit wasweisich wievielen Fußknechten vorstellt und ganz vorne steht einer der sich die Lunge aus dem Hals brüllt und hinten fragt einer: “Warum schimpft der denn so?” (wie bei Asterix als Legionär) ist es einleuchtend daß es so nicht gewesen sein kann, nicht auszudenken, wenn noch Schlachtlärm dazukommt.
Also, trotz daß keine Noten für Pfeiffen oder Trommeln und Fahnenbilder (wie beim einwinken von Flugzeugen) überliefert sind, kann man mit Sicherheit sagen, dass sie die Befehle an die Fußknechte weitergegeben haben..

Die besten Befehle und das lauteste Spiel bringen einen aber auch nicht weiter, wenn die Moral der Truppe nicht stimmt. Deshalb ein Hinweis zum Schluß: Zur Aufbesserung der Moral der Truppe standen zur damaligen Zeit die Obersten, wie König Maximilian unserer späterer Kaiser, Jorgen von Frundsberg, Franziscus von Sickingen und die Emser um nur einige zu nennen, in der ersten Reihe zwischen ihren Männern. Erst in späterer Zeit, setzte es sich durch, dass die Heerführer in sicherem Abstand zum Gemezel bei Tee und Gebäck auf dem Feldherrenhügel saßen.

Die Kommandos für die Helebardiere beim Troß 2004 haben wir bei Dietrich Pott entliehen, da sie von der St. Georg Compagnie schon seit Jahren verwendet werden.

Die Kommandos der Spießer habe ich im “Aufsatz über den langen Spieß” bei Müller-Hickel in der Zeitschrift für Historische Waffen und Kostümkunde gefunden und mit Unterstützung von Uli und Albi Beyle (Landsknechte) und Heiko Wacker (Fotograf, Schwarzpulverer Landsknecht)für unsere Zwecke aufgearbeitet und zum besseren Verständnis fotografiert.

Formalkommandos, sprich die Kommandos für die Truppenbewegungen haben wir nicht fotografisch festgehalten, da es sicherlich mit der Anzahl an Beteiligten lächerlich ausgesehen hätte im “Haufen” Links um; Rechts schwenk; das Ganze kehrt; usw
Diese ganze Geschichte werden wir vor Ort mit den Trossteilnehmern, Abteilung Truppenteil, ausreichend üben.

1. Taktische Grundbegriffe

1. Die Rotte Rotte ist die Bezeichnung der Männer, die hintereinander herlaufen
2. Das Glied Glied ist die Bezeichnung der Männer, die nebeneinander herlaufen

2. Bewegung: Die Formal-Kommandos

1. Nehmt auf die Wehr! Waffen werden aufgenommen, vorher geht gar nichts!
2. Nach links (rechts) kehrt! Viertel Drehung nach links (rechts).
3. Kehrt um! Halbe Drehung links rum
4. Vorwärts voran! Abmarsch gerade aus nach vorne
5. Das Ganze steht! Stehen bleiben
6. Nach rechts (links) schwenkt! Schwenk um 90° in die angegebene Richtung, der Flügelmann auf der angegebenen Seite dreht sich auf der Stelle, der Mann am anderen Flügel geht in angemessenen Tempo (je weiter außen, desto schneller) im Halbkreis, bis er die neue Richtung erreicht hat. Das gesamte Glied hält nach innen Kontakt und schaut nach außen, auf den Flügelmann, um ein Eindellen der Front sofort zu begradigen.

 

3. Kommandos für Hellebarden

1. Hellebardiere, aufgemerkt! Allgemeines Kommando, um die Aufmerksamkeit der Truppe zu erlangen.
2. Nehmt auf die Wehr! Die Wehren werden aufgenommen. (deutscher Griff, die rechte Hand am unteren Ende der Waffe, die linke Hand in Brust- Schulterhöhe)
3. Stellt ab die Wehr! Die Wehren werden auf den Boden gestellt. (deutscher Griff)
4. Fällt die Wehr! Die Wehren werden im 45°-Winkel nach vorne geneigt
5. Zum Angriff fällt die Wehr! Die Wehren werden zum Angriff geführt. Wehren werden in waagrechter Position angebracht.
1. Glied Wehren auf Hüfthöhe
2. Glied Wehren auf Bauchhöhe
3. Glied Wehren auf Brusthöhe
4. Glied Wehren schräg über Kopf
weitere Glieder wie 4tes Glied
6. Legt wieder die Wehr Beim nach vorne gehen, wird die auf dem Boden stehende Wehr durch die Hand gleitend gesenkt, an der Spitze gefasst und nach vorne gehend auf dem Boden gelegt.
7. Wehren aufnehmen! Die Wehr wird an der Spitze aufgenommen und während des voran Schreitens in senkrechte Position gebracht.
8. Herstellt euch! Gerät in Folge von Kampfhandlungen oder Manövern eine Unordnung in den Haufen, wird diese auf diesen Befehl hin wieder hergestellt.

 

4. Kommandos für Langspieße

1. Spießer aufgemerkt! Kommando um die Aufmerksamkeit zu erregen.
2. Rechts fasst die Spieße und stellt euch in gehörig Positur! Richt Euch (Abstand zur Seite 1m, nach vorn 1,2m. Spieß in der rechten Hand auf dem Boden stehend.
3. Nehmt auf die Spieß! Der Spieß wird senkrecht im “Deutschen Griff” (die linke hand am unteren Ende des Spießes, die rechte hand in Brust- Schulterhöhe, anders herum als bei den Hellebarden!) getragen.
4. Herstellt euch! Richt Euch. Grundstellung. Spieße im deutschen Griff auf der linken Seite.
5. Stellt ab die Spieß! Rührt Euch! (Bequem stehen) Der Spieß wird neben (nicht auf!) den rechten Fuß gestellt. Rechte Hand hält den Spieß auf Brusthöhe.
6. Fällt die Spieß! Zur Ehrenbezeugung werden die Spieße im 45° Winkel nach vorn geneigt.
7. Scheunst tragt die Spieß! Der Spieß wird im Winkel von ca. 45° auf der Schulter getragen.
8. Durch Pforten fällt die Spieß! Die Spieße werden Glied für Glied selbständig vor dem Tor gefällt und nach dem Durchschreiten des Tores selbständig aufgerichtet.
9. Zum Angriff fällt die Spieß! Die Spieß werden zum Angriff geführt. Die Spieße werden in waagrechter Position angebracht.
1. Glied Wehre auf Hüfthöhe
2. Glied Wehre auf Bauchhöhe
3. Glied Wehre auf Brusthöhe
4. Glied Wehre schräg über Kopf
weitere Glieder schräg nach vorne (45°)
10. Gen Reiter fällt die Spieß! Der Spieß wird vor den rechten Fuß gestellt, mit einem Ausfallschritt (linker Fuß) wird der Spieß nach vorn gesenkt. Der Spieß wird hauptsächlich mit der rechten Hand gehalten, die Linke ist am Schwert oder auch am Spieß.
11. Schleift die Spieß! Beim nach vorne gehen wird der auf dem Boden stehende Spieß durch umgreifen, abwechselnd mit der linken und rechten Hand, gesenkt und nach vorne gehend mit der Spitze am Mann geschleppt.
12. Die Spieße aufnehmen! Beim nach vorne gehen wird der, auf dem Boden liegende Spieß, an der Spitze gefasst und durch umgreifen, abwechselnd mit der linken und der rechten Hand, aufgestellt.
13. Niederlegt die Spieß! Beim nach vorne gehen wird der auf dem Boden stehende Spieß durch umgreifen, abwechselnd mit der linken und rechten Hand, gesenkt und nach vorne gehend mit der Spitze am Mann abgelegt.

 

5. Schützenwesen 1504

Nach längeren Recherchen in einschlägiger Literatur und Befragung von Militärhistorikern haben wir für Handbüchsenschützen noch nichts verwertbares in Sachen Kommandos gefunden. Die einzigsten Unterlagen über die Handbüchsenschützen haben wir aus der Zeit des 30-jährigen Krieges gefunden, dort wird der Ablauf des Schiessens in einer Rotte an Hand von Bildern beschrieben.

Die Formalkommandos des Schützenfähnleins, also die Truppenbewegungsbefehle, waren sicherlich die gleichen wie bei den Spießern und Helebardieren, da die Schützenrotten teilweise zwischen die Stangenwaffenrotten eingeordnet waren.
Ob es generell für den Umgang mit der Handbüchse “Handhabungskommandos” gab, dafür liegen uns keine zeitgenössische Belege vor.

Wir haben den Ablauf des Ladens bis zum Schuß nach bestem Wissen und Gewissen in Kommandos unterteilt, diese können wir auch bei Vorführungen dem Publikum anschaulich präsentieren. Aber ich denke, dass diese Befehle im Gefecht, in Formation mit den Spießern oder als “Verlorener Haufen” nicht praktikabel oder möglich waren.

1. Glied Schießt “Feuer!”
2. Glied Legt an “Legt an!”
3. Glied Legt die Lunte ein “Klemmt die Lunte ein!”
4. Glied Zündkraut auf die Pfanne “Füll die Pfanne!”
5. Glied Kugel einstoßen “Stoß nieder die Kugel!”
6. Glied Pulver ins Rohr “Füll ein das Pulver!”
7. Glied Lunte abnehmen “Blas das Rohr aus!”
0./8. Glied Wegtreten, ausblasen “Wegtreten!”

Philip von Seldeneck schreibt in seinem Kriegsbuch, wenn man nicht so viele Büchsen schützen hat füllt man die Rotten mit Bogen- oder Armbrustschützen auf, und diese hätten dann wiederum andere Befehle, weil der “Ladevorgang” logischerweise ein anderer ist.
(Trotz des Befehls des späteren Kaisers Maximilian I., die Bogen – und Armbrustschützen durch Büchsenschützen zu ersetzen, waren diese in den Truppen im Landshuter Erbfolgekrieg und Später noch die Regel.)
Also haben wir, wie schon zu lesen war, Bilder sowohl vom Ablauf des Ladevorganges in der Rotte als auch in der Einbindung der Büchsenschützen in einem Spießerhaufen gemacht.

“Gegen Reiterei fällt eurer Wehr!”

So, das wär’s. Auch wenn wir, Günther. Albi, Uli, Heiko, Michi, Chris, Benni, Thorsten und Andi von den Fachleuten in der Re-enactmentszene in der Luft zerpflückt werden, uns hat die ganze Aktion auf alle Fälle Glühwein, kalte Ärsche und viel Spaß gebracht.

Text: Günther Gropp, Ulrich Beyle, Albrecht Beyle
Bilder: Heiko Wacker